Die wundervolle Geschichte eines Nachbarn

von Frederike
Buch mit kleinen Lichtern

Im Juni 2016 ziehe ich in diese klitzekleine Wohnung im 4.Stock eines Neubaukomplexes. Zwei Jahre war ich mit kleinen Unterbrechungen in Australien und Neuseeland unterwegs, habe tolle Abenteuer erlebt und unglaublich viele wunderschöne Menschen getroffen.

Doch irgendwann ist es Zeit wieder zurückzukehren, einen neuen Job und eine Wohnung zu suchen.

Da der Wohnungsmarkt in Berlin nicht der entspannteste ist, komme ich erst bei guten Freunden unter und ziehe zwei Monate später in die besagte Wohnung. Kein Altbau, sondern ein Neubau als Komplex. Ich betitel sie als Übergangswohnung, aus der ich sofort wieder raus bin, sobald ich etwas besseres gefunden habe.

Ich übernehme die Möbel der Vormieterin, richte nichts großartig ein und nutze sie als Wohnung für Parties und zum Schlafen. Wirklich wohl fühle ich mich nicht hier. Auch die Nachbarn in meinem Teil des Komplexes sind speziell, zumindest das, was man manchmal von ihnen hört. „Maria, ich schneid‘ dir die Kehle durch“, ist nachts um vier Uhr ein Highlight. Mit Glück hört es nach einer halben Stunde wieder auf. Auch der Geruch, der aus der unteren Wohnung zu mir auf den Balkon zieht, lässt Rückschlüsse auf etwas vermodertes zu. Doch zu sehen ist kaum einer von ihnen, noch nicht einmal auf den Nachbarbalkonen im Hochsommer.

Im Dezember komme ich nachts nach Hause und finde einen Zettel an meiner Wohnung. Die Tür sieht demoliert aus und das Schloss scheint ausgewechselt. „Bitte melden Sie sich bei der nächsten Polizeidirektion. Auf Grund von Gefahr in Verzug mussten wir Ihre Wohnung aufbrechen.“
„Meine Tür wurde aufgebrochen und ich muss zur Polizei“, sage ich zu dem guten Freund. Meine Stimme zittert. Er hatte mich gerade zu Hause abgesetzt. Die zwei unbekannten Anrufe um 12 Uhr hatte ich ignoriert.

Unsicher und unentspannt fahre ich mit ihm zur nächsten Polizeidirektion. Der Tatort, der nachts um fünf Uhr läuft, scheint deutlich interessanter als der Rest des Geschehens zu sein. „Wir können Ihnen nicht viel sagen. Grob: Stichwort Wasserschaden“, presst er hervor. „Haben Sie eine Hausratsversicherung?“
Ich schlucke und verzichte auf eine Antwort.

Da der Flexschlauch in meiner Wohnung gerissen ist und alle unteren Stockwerke geflutet hat, muss alles komplett neu renoviert werden. Ich ziehe für ein paar Monate aus, komme erneut bei guten Freunden unter und bin Mitte März wieder zurück in meiner Wohnung.

Im April wird mir meine Tasche geklaut, nachdem ich mit Freunden in einer Burlesque Bar ziemlich durch den Tisch getreten habe. Morgens um fünf Uhr muss ich einen meiner Nachbarn aus dem Bett klingeln, um wenigstens ins Haus zu kommen.

Der erste Kontakt

Mit dem Schlüsseldienst und einer Freundin stehen wir vor meiner Wohnungstür. Das Hämmern der Bohrmaschine dröhnt in unseren Köpfen. Es ist das erste Mal, dass ich meinen Nachbarn im gleichen Stockwerk kennenlerne, der oberkörperfrei und mit Jogginghose etwas irritiert aus der Tür tritt.
„Alles in Ordnung?“ fragt er. „Ja, alles gut“, antworte ich noch völlig angetrunken. „Mir wurde die Tasche inklusive Schlüssel und Telefon geklaut. Hast du uns reingelassen?“

„Ich hatte keine Ahnung, wer da klingelt und wollte kurz nachsehen.“ Der tätowierte Mittdreißiger geht wieder in seine Wohnung zurück und kommt mit einem Zettel wieder raus. „Hier, meine Nummer“, sagt er und drückt mir einen Zettel in die Hand, „falls noch mal was ist. Ruf mich einfach an.“

Er verabschiedet sich und der Schlüsseldienst hat meine Wohnung nach anfänglichen Schwierigkeiten endlich aufbekommen.

Diese Nacht ist der Anfang einer ungewöhnlichen Nachbarschaftsfreundschaft. ‚Zufälligerweise‘ treffen wir uns jetzt regelmäßig, im Treppenhaus, auf der Straße oder auf dem Balkon. Wir halten entspannten Smalltalk und ich lerne ihn etwas besser kennen.

Im Mai erzählt er mir, dass er seit 21 Jahren stark kokainabhängig ist. „Ey, und weißt du was? Deinetwegen musste ich die Drogen zweimal im Klo verstecken und runterspülen. Bei deinem Wasserschaden stand die Polizei auch vor meiner Tür. Was meinst, was ich für Panik bekommen habe, als ich die Rückseite der Jacke mit dem Schriftzug durch den Türspion gesehen habe.“ Wir fangen beide an zu lachen. „Und beim zweiten Mal hast du nachts unten sturm geklingelt und ich habe wieder alles weggehauen. Mega ärgerlich!“ Ich muss trotzdem lachen.

„Ich glaube, dass auch meine Arbeitgeber mitbekommen habe, dass ich drogenabhängig bin und mich deswegen freigestellt haben. Dauernd habe ich gesagt, dass ich ‚erkältet‘ bin, weil meine Nase zu war. Die musste ich mir auch vor ein paar Jahren operieren lassen. Ich konnte nicht mehr ziehen.“

Eines Nachmittags fragt er mich, ob er kurz rüberkommen kann. „Ja, klar. Wir können uns gemütlich auf den Balkon setzen.“
Ich habe das Gefühl, dass er erzählen möchte.

Mit Rotwein steht er vor meiner Tür. „Ich muss Rotwein trinken, habe die ganze Woche durchgezogen und muss irgendwie runterkommen“, sagt er, sobald er die Wohnung betritt.
Unser Gespräch ist offen und ich erzähle ihm meine Geschichte und was durch Coachings alles möglich geworden ist. Ich öffne mich ihm mit meinen Ängsten und meiner Erfahrung. Und auch er fängt an von sich zu erzählen. Ich höre nur zu, bewerte nicht.
Er schließt mit dem Satz ab „und wenn ich eine kurze Zeit nichts ziehe, kommen die Ängste und Alpträume wieder, die sind wirklich schlimm.“

Ich freue mich sehr über seine Offenheit und bin dankbar darüber, dass er mir seine Geschichte einer gewalttätigen Kiez-Vergangenheit anvertraut.

Nach einer Woche sehe ich ihn wieder. Er kommt freudig auf mich zu. „Hey, weißt du was?! Ich habe eine ganze Woche nichts gezogen. Ein paar Alpträume hatte ich zwar noch, aber es war echt ok.“
Ich freue mich mit ihm über diesen Erfolg.
„In der Woche ziehe ich jetzt nichts mehr, habe ich mir vorgenommen. Nur noch am Wochenende, sonst kriege ich nichts mehr klar!“ erklärt er stolz.

So zieht es sich über die Wochen und er berichtet mir von kleineren und größeren Rückfällen. Es ist ehrlich, authentisch. Ich glaube, er merkt, dass ich ihn weder kritisiere, analysiere oder in Frage stelle. Ich bin da, höre ihm aufrichtig zu und stelle hier und da ein paar Fragen.

Ende Juli schickt er mir eine Nachricht, ob ich nachmittags kurz rüberkommen kann. Zwei Stunden später stehe ich vor seiner Tür.
„Ich kann nicht mehr. Ich bin gerade wieder ohnmächtig geworden und habe das Gefühl, dass ich nicht mehr lange lebe, wenn ich so weitermache. Die letzten Wochen waren wieder so hart. Ich muss was ändern. Kannst du bitte mein Zeug nehmen? Und ich habe die Nummern der Dealer aus meinem Telefon gelöscht. Bis Anfang September nehme ich nichts mehr und dann schaue ich weiter“, sagt er sofort, als er mir die Tür aufmacht. Er scheint total verstört und hat Angst.
„Ok, Keule!“ sage ich etwas verwundert über die Brisanz des Augenblicks. Ich bin sehr klar und straight, als ich ihm sage, dass ich in dem Monat keine Ausnahme mache, sondern entschieden ist entschieden.
Er nickt. „Ja, klar. Ich muss wirklich klarkommen und will es einen Monat schaffen. Auf den Alkohol kann ich aber noch nicht verzichten.“

Er drückt mir einen Plastikbeutel mit kleinen Hülsen in die Hand. „Da ist nichts mehr drin, keine Sorge. Es ist nur das Besteck und die Nummern. Die Hülsen sind leer.“ Die Erschöpfung und seine Verzweiflung sind ihm deutlich anzumerken.
„Können wir bitte zusammen meditieren? Kannst du mir bitte zeigen, wie das geht und wie du das machst? Ich wäre dir wirklich sehr dankbar dafür.“

Meditation und Dankbarkeit als Anker

Ich habe ihm zwischendurch von meinen Meditationen und dem Kurs bei Joe Dispenza erzählt.
„Ja, klar, gerne! Machen wir!“ antworte ich, doch jetzt will ich los zum Yoga. „Da komme ich auch gerne mit!“ fügt er mit müden Augen schnell hinzu.

Ein paar Tage später sitzen wir zum Meditieren bei ihm auf dem Balkon. Die Sonne scheint und es ist warm. „Setz dich so hin, dass du gut zwanzig Minuten angenehm sitzen kannst und schließe die Augen.

Nimm die Geräusche der Umgebung wahr…

fühle die Wärme der Sonne…

nimm den Wind auf deiner Haut wahr…

jetzt gehe nach innen und lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper…

spüre, wie du ein- und wieder ausatmest…

verbinde dich mit deinem Atem und lasse ihn durch deinen Körper fließen…

richte deine Aufmerksamkeit auf dein Herz…

nimm es wahr…

was sagt es?…

was fühlst du?…

und jetzt gehe in das Gefühl der Dankbarkeit…

fühle es in jeder Zelle deines Körpers…

genieße es und fülle alles damit aus…

und wenn du fertig bist, komme langsam wieder zurück…

du kannst jetzt langsam deine Augen wieder öffnen.“

Vorsichtig kommt er wieder in die Umgebung zurück. Nach ein paar Minuten erzählt er mir von seiner Erfahrung. „Ich habe mein Herz nicht gefühlt, ich hatte keine Verbindung, aber mit der Dankbarkeit hast du mich gekriegt. Die konnte ich deutlich spüren. Ich war so dankbar, dass ich noch lebe und dass ich wieder riechen kann. Danke!“ Ich fühle seine aufrichtige Dankbarkeit. Es ist wunderschön.

Ich sehe ihn in dieser Zeit fast jeden zweiten Tag und er berichtet mir stolz, dass er täglich meditiert und sehr dankbar geworden ist. Außerdem sei er zu jedem ganz freundlich, halte jedem die Tür auf und freue sich, dass er so viel mehr erleben darf. Und manchmal bekomme ich wunderschöne Sprachnachrichten von ihm, in denen er mir seine Dankbarkeit ausdrückt. „Du hast das Samenkorn in mir gepflanzt. Ich bin dir so dankbar dafür. Ich treffe wieder Frauen, gehe raus und lebe wieder. Vielen lieben Dank.“ Ich freue mich so sehr darüber.

Auch erzählt er mir von einem Rückfall, was er daraus gelernt und wie er damit umgehen will. Er ist stark, auch wenn er manchmal noch in alte Verhaltensweisen rutscht.

Mittlerweile ist es September und die Deadline ist schon längst vorbei. Bis Anfang September wollte er nichts mehr nehmen.
Kurze Zeit später bekomme ich eine Nachricht von ihm. „Du kannst meinen Kram wegschmeißen. Ich brauche es nicht mehr“ und „Ich spüre mein Herz wieder. Mama Ayuhasca hat mir Liebe gegeben. Ich bin so dankbar.“

Ich komme aus dem Strahlen nicht mehr heraus, als ich diese Nachricht lese. Zufällig sitzt ein sehr guter Freund neben mir, dem mein Grinsen so stark auffällt, dass er ein Foto macht.
„Ich glaube, ich kann gerade nicht dankbarer sein. Wie wunderschön!“

Als ich ihn zwei Tage später auf dem Balkon treffe, berichtet er mir von seinem Ayahuasca-Erlebnis, einer psychedelisch wirkenden Pflanzezusammensetzung, die dafür bekannt ist, heilende und transformierende Kräfte auf Körper, Geist und Seele zu haben. Der bis zu drei Tage gekochte Sud wird getrunken und je nach Themen des Einzelnen soll er Lösungen und Klarheit bringen. „Mama Ayahuasca hat mich verstehen lassen, dass die Lösung Liebe ist. Abends in der Gruppe habe ich meine Geschichte erzählt. 10 Jahre lang hat mein Stiefvater mich geprügelt, mit Füßen ins Gesicht getreten, wenn ich zu laut war. Ich habe ihm in der Zeremonie vergeben und dadurch auch mir selbst. Die Droge brauche ich nicht mehr, ich muss mich nicht mehr selbst zerstören. Ich fühle wieder Liebe. Und ich bin einfach dankbar. Ich muss das nicht mehr üben. Ich bin einfach dankbar“, wiederholt er sich. Die Dankbarkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Und ich bin berührt von diesen Menschen, der das chemische Molekül von Kokain zwar auf dem Körper tätowiert hat, aber es nicht für Ewigkeitem im Körper tragen wird.

Ob ich glaube, ob er wieder rückfällig wird?! Ich weiß es nicht. Ob ihm ein paar Herausforderungen begegnen werden? Bestimmt.
Worin ich mir sicher bin, ist, dass er einen Anfang und ein riesiges Stück zu sich selbst gefunden hat. Das kann ihm nicht genommen werden. Und wenn er es einmal verlieren sollte, weiß ich, dass er es wieder findet.

Mir haben in dieser Zeit ein paar Menschen gesagt, dass ich aufpassen müsse. Drogenabhängige ziehen Energie und können nicht geben. Ich habe Verurteilungen und Bewertungen gehört, obwohl sie diesen Menschen nie kennengelernt haben. Manchmal war ich versucht ihnen zu glauben, doch es entsprach nicht meinem Glauben an die Menschen, dass jeder es schaffen kann. Genauso wenig stimmte es mit meinen Wertvorstellungen eines schöneren, offeneren und authentischeren Miteinander überein.
Dieser Mann hat nicht ohne Grund zu Drogen gegriffen, er hat eine Geschichte, so wie viele andere auch.

Als er mit den Drogen angefangen hat, war das der einzige Ausweg aus einem scheinbar jahrelangen Schmerz und fehlender Liebe.

Nichts passiert ohne Grund

Ich glaube, dass ich nicht ohne Grund in diese Wohnung gezogen bin, sondern dass es darum ging, jemandem zu zeigen, was in ihm steckt. Das wünsche ich mir für jeden. Ich wünsche mir, dass jeder sich vollständig öffnen kann ohne bewertet zu werden. Ich wünsche mir, dass wir alle aus unseren Geschichten, unserer Vergangenheit lernen, unsere Erfahrungen zu Weisheiten werden lassen, um ein Leben voller Freude, Liebe und Dankbarkeit zu führen.

Victor Rios sagt in seinem TedTalk, in dem er über sich, seine Schulzeit und seine jetzigen Schüler berichtet: „We’re like oysters. We’re only gonna open up when we’re ready and if you’re not there when we’re ready we’re gonna clamp back up.“

Ich war in dem Moment da, als sich jemand öffnen konnte und wollte. Und jetzt ist er da, wenn ich einmal durchhänge und sagt mir die Sätze, die ich ihm mitgegeben habe.

Danke, lieber Nachbar, danke! Danke für diese wunderschöne Geschichte, die ich aus dem Herzen schreibe, für dich, für mich, für alle.

Victor Rios‘ sagt einen wunderschönen Satz, mit dem ich gerne die Geschichte meines Nachbarn beenden möchte:
„If you teach to the heart, the mind will follow.“

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